Vor einigen Tagen hatte ich eine spannende Diskussion mit einem Freund, der „die Medien“, vor allem auch die öffentlich–rechtlichen, als „links–grün“ bezeichnete. Das war nichtmal abwertend gemeint, aber in mir kam sofort Widerstand dagegen auf. Zu häufig habe ich diese Behauptung in Instagram–Kommentarspalten gefunden und auch dort bestritten. Und zu häufig wird das von rechter oder rechtskonservativer Seite über deutsche Medien behauptet.
In meiner Partei, der Linken, würden sicherlich die meisten Genossis genauso dagegen protestieren, wie ich. Aber woher kommt diese enorme Differenz in der Betrachtungsweise?
Eine Begriffsschärfung
Was meinen denn die Kritierenden überhaupt mit „links–grün“ überhaupt? Ist das nur rechter Kulturkampf und der Rechtsruck in Deutschland, der der „rechten“ Seite eine andere Perspektive auf die gleiche Realität beschert? Nach dem Motto: Wenn du mich von weiter rechts betrachtest, bin ich für dich weiter links? Oder kommt diese Dissonanz vielleicht auch davon, dass verschiedene Seiten aneinander vorbeireden?
Ich war lange von Ersterem überzeugt: Die Menschen sind ganz weit nach rechts gerückt, also sehen sie deutsche Berichterstattung relativ gesehen weiter links. Aber durch unser erwähntes Gespräch komme ich zu einem anderen Schluss: Irgendwie haben beide Seiten ein stückweit Recht, nur wir reden aneinander vorbei.
Denn ich vermute mittlerweile: Der Dialog verläuft auf verschiedenen Ebenen, die aber in unserer aktuellen, deutschen Politik fest verwoben sind. Zeit, sie zu trennen, wie Wagenknecht von der Linkspartei!
Und tatsächlich steckt genau darin eine Erkenntnis: Wie kam es zur Spaltung zwischen dem Wagenknecht-Lager und der restlichen Partei? Sind sie beide „links“? Nein, würden viele meiner Genossis sagen, und ich genauso. Aber damit meinen wir: Die Wagenknechte sind gesellschaftlich konservativ bis rechts. Wirtschaftlich hingegen waren sie meistens aber durchaus sozial oder sozialistisch eingestellt. Wie das mittlerweile ist, kann ich allerdings nicht einschätzen.
Der politische Kompass
Werkzeuge, wie der „political compass“ haben das gleiche Problem in der Wahrnehmung erkannt, und unserer klassischen „links-rechts“-Skala eine zweite Dimension zugefügt: Zur ökonomischen Dimension nach links und rechts kommt die soziale nach oben und unten, von „autoritär“ bis „liberal“. Allerdings wird dieser Kompass zurecht häufig kritisiert, denn auch er ist nur ein unvollkommenes Werkzeug und bildet reale Verhältnisse immer noch vereinfacht ab.
Trotzdem möchte ich mich der Idee bedienen, eine zweite Dimension heranzuziehen, um das Problem um die „links–grünen Medien“ verstehen zu können. Schließlich bin ich Informatiker und weiß deshalb „wenn du das Problem auf einer Ebene nicht lösen kannst, gehe auf die Meta-Ebene“.
Aber meine Dimensionen sind anders gewählt: Die ökonomische Skala sehe ich zwischen Neoliberalismus und Sozialistismus, dazwischen irgendwo die Soziale Marktwirtschaft. Auch hier wird also ordentlich vereinfacht, denn natürlich ist es kritikabel diese drei Wirtschaftssysteme auf nur einer Skala anzuordnen. Zweitens sehe ich, und hier wird es interessant, eine Dimension der „political correctness“, oder positiv formuliert: Der gegenseitigen, gesellschaftlichen Rücksichtnahme und des Respekts. Während ich „unten“ auf dieser Skala grassierenden Rassismus, Sexismus und andere gesellschaftliche Aus- und Abgrenzung sehe, ist „oben“ eine tolerante und rücksichtsvolle Gesellschaft ganz ohne Grenzen zwischen Menschen.
Vielleicht doch links–grün?
Und mit diesen Skalen wird auch klar, dass in den letzen Jahrzehnten die deutsche Medienlandschaft schon sehr „verrückt“ ist, nämlich von unten nach oben. Zu häufig war noch in den 90ern und 2000ern Rassismus sogar in den Nachrichten, und in den Talkshows „durfte man mehr sagen“. Das machen heute freilich immer noch viele Menschen, aber eben „die Rechten“ und nicht „die Mehrheit“.
Und damit wird mir auch klar, wo eine wichtige Bruchlinie in unserer Gesellschaft verläuft: Zwischen den Leuten, die eben nicht so „politisch korrekt“ sprechen, weil man das „früher ja auch so gemacht hat“. Und halt denen, die sich anpassen können, oder es sowieso schon immer inklusiv und tolerant gemacht haben. Nur früher waren Letztere die Minderheit.
Und diese eher tolerante und menschenfreundliche, ehemalige Minderheit fand sich besonders bei politisch grün– oder links–orientierten Menschen. Nur, dass es „uns“ halt eben selbstverständlich ist, anderen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, und das auch sprachlich zu tun – eben weil das Teil der Ideologie ist, wenn man sowieso gegen (jetzt wieder ökonomische) Unterdrückung und Ungleichheit kämpft.
Die eigene Bornhiertheit überwinden
Aber genau deshalb ist es für linke Menschen auch oft so unverständlich, dass tatsächlich eine Verschiebung öffentlicher Berichterstattung stattfand: Weil wir dazu neigen, woanders hinzuschauen. Nämlich auf meine andere Dimension, die ökonomische. Und dort kann man meiner Meinung den Medien durchaus attestieren, noch ein wenig „nach rechts“ gerückt zu sein – eben hin zu (noch) neoliberaleren, sozialdarwinistischen Äußerungen.
Schließlich wird in Talkshows seit Monaten und Jahren überproportional über Bürgergeld–Beziehende hergezogen, über sogenannte „Sozialschmarotzer“ und den ach so faulen, weil wenig wohlhabenden Teil der Bevölkerung. Während Unternehmer*innen, oder eben einfach nur reiche Personen, als übermäßig fleißig und wertvoll für die Gesellschaft dargestellt werden – eben wegen ihres Reichtums. Aus linker Perspektive ist klar, was die Mehrheit übersieht: Reichtum konnten sie nur anhäufen, weil sie ihren Angestellten Mehrwert wegnahmen. Und Geld arbeitet nicht, Menschen arbeiten.
Aber sind die beiden genannten Dimensionen in der Realität überhaupt trennbar? Ich würde behaupten, nein. Es ist für mich ein Werkzeug zur Analyse und Erkenntnis, mehr nicht. Toleranz und gegenseitiger Respekt resultiert für mich genauso aus sozialistischer Wirtschaftsweise, wie die Bedingung auch umgekehrt sein muss. Aber zumindest das Beispiel Wagenknecht zeigt mir auch, dass Leute anscheinend anders schlussfolgern – nur für mich unlogisch.
Veränderung ist schwer, besonders im Alter
Zumindest kann ich mit dieser Analyse Menschen, die behaupten „heute dürfe man ja nichts mehr sagen“, und die Medien seien „links–grün“ und davon wolle man wieder weg, etwas besser nachvollziehen: Sie haben Angst vor Veränderung, oder kommen nicht mit. Denn die Entwicklung hin zu einer (etwas) toleranteren Berichterstattung und Medienlandschaft ging tatsächlich ziemlich schnell – innerhalb weniger Jahre und zwei, drei Jahrzehnten. Trotzdem ist das natürlich keine Entschuldigung oder ein Freifartschein für Intoleranz, denn für mich ist klar: Wir dürfen auf keinen Fall zurück!
Vielleicht bringt es uns aber etwas, diese Angst – die ja zu vielen anderen, berechtigten Ängsten dazukommt – wahrzunehmen und anzuerkennen. Nicht die Auswirkungen davon („bloß zurück zum Altbekannten“), sondern nur die Angst an sich. Und hoffentlich ist das ein Schritt in die Richtung, den Riss in der Gesellschaft zu überbrücken, damit auch die aktuell Kritisierenden sich auf die progressive Seite der Macht einlassen können.
Eine Randnotiz zu Wahlergebnissen
Bei der Betrachtung brachte mich ein Nebenschauplatz zum Schmunzeln: Für mich war auf einmal klar, weshalb die FDP in der Bedeutungslosigkeit versinkt — natürlich neben ihren unsinnigen Forderungen und grauenhaften Personalentscheidungen. Sie wird schlichtweg nicht mehr gebraucht, denn auf meinen beiden Dimensionen sitzen sie quasi dort, wo wir gerade schon sind: In einer neoliberalen, aber einigermaßen toleranten Gesellschaft. Wirtschaftspolitisch hat die CDU/CSU und auch die faschistische AfD alle relevanten Forderungen und Positionen der FDP übernommen oder sogar übertrumpft. Und gesellschaftspolitisch, der Punkt in dem die FDP für mich tatsächlich einen positiven Zweck hatte, sind wir soweit am Zielbild der Toleranz angekommen, wie das im Kapitalismus eben machbar ist.
Und ein Disclaimer zum Schluss
Natürlich halte ich unsere heutige Gesellschaft nicht für das Ideal von tolerant und menschenfreundlich. Das ist im Kapitalismus auch gar nicht zu erreichen, denn er profitiert z. B. vom systemischen Rassismus, von Ungleichbehandlung der Geschlechter und weiteren, aktuellen Problemen unserer Gesellschaft. Zumindest muss ich aber zugeben, dass sich unsere Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit zu einer verhältnismäßig toleranten Gesellschaft entwickeln konnte. Und um genau diese relative Differenz auf kurzer Zeitskala geht es mir hier.